Überall auf der Welt - sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern
- breiten sich die Städte auf immer größere Flächen aus.
In den Entwicklungsländern verlassen viele Menschen ihre Dörfer
in den ländlichen Gebieten, um in den großen Städten Arbeit
zu finden. Infolgedessen ändert sich für die meisten von ihnen
das soziale Umfeld. In den Slums an der Peripherie der Städte
ballen sich ihre ärmlichen Behausungen. In den Industrieländern
hingegen entscheiden sich meist Besserverdienende und Angehörige
der Mittelklasse für einen Umzug in die Vororte, wo sie niedrige
Häuser auf ausgedehnten Grundstücken bauen und die umliegende
Natur genießen können. Ein typisches Beispiel dafür ist eine
Stadt wie Los Angeles, die sich - bei verhältnismäßig geringer
Bevölkerungsdichte - über ein riesiges Gebiet erstreckt. Gut
ausgebaute Schienen- und Autobahnnetze lassen in der Umgebung
großer Städte so genannte "new towns" entstehen - Satellitenstädte,
die die unaufhaltsame Ausdehnung des urban sprawl besonders
augenfällig machen.
Diese Expansion des urbanen Raums ist bekanntlich ein Hauptgrund
für die Zerstörung der Natur. Das Verschwinden landwirtschaftlicher
Nutzflächen in den Dörfern, der Verlust von Reisfeldern oder
die Zerstörung von Wäldern beeinträchtigen die Zirkulation des
Regenwassers und führen zu einem Rückgang der Artenvielfalt
im gesamten Ökosystem. Aufgrund des explosionsartigen Bevölkerungswachstums
in den Entwicklungsländern werden Wälder abgeholzt, um neue
landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen. Sofern keine Maßnahmen
ergriffen werden, ist zu befürchten, dass bis zu dem Zeitpunkt,
da die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen angestiegen
ist, die gesamte Waldfläche der Erde verschwunden sein wird.
Um dies zu verhindern, müssen wir unser Verhalten jetzt ändern.
Bevor es zu spät ist, müssen wir der Ausbreitung des urbanen
Raums Einhalt gebieten und unsere Städte kompakter gestalten.
In einer "kompakten" Stadt leben so viele Menschen wie möglich
auf kleinstmöglichem Raum - sie besitzt also eine sehr hohe
Bevölkerungsdichte.
Die Befürworter der "modernen Städte" des 20. Jahrhunderts lehnten
derart dicht besiedelte Wohngebiete ab und versuchten gerade,
Städte mit geringer Bevölkerungsdichte und vielen Grünflächen
zu konzipieren. Dieses Zeitalter gering besiedelter Städte mit
üppigen Grünflächen und zahlreichen Parkanlagen, von denen nur
die Menschen profitieren, ist jedoch vorüber. Uns bleibt nur
eine Möglichkeit: Die Symbiosis zwischen Natur und kompakten,
dicht besiedelten Städten muss gefördert werden. Ob zu diesem
Zweck niedrige Gebäude oder Hochhäuser errichtet werden, ist
nicht relevant; entscheidend ist nur, dass die Stadt dicht besiedelt
und kompakt ist.
2. Ökologische Korridore
In früheren Zeiten war die Erdoberfläche von riesigen Wäldern
bedeckt - sie bildeten ein intaktes Ökosystem. Mit der Entwicklung
der Menschheit jedoch, der Errichtung von Städten und der Ausbreitung
der Landwirtschaft wurden die einzelnen Komponenten des Ökosystems
Erde, zum Beispiel Wälder, Seen und Sumpfland, voneinander isoliert.
Diese Isolation der Ökosysteme und das daraus resultierende
Schwinden jeder dieser Komponenten sind die wichtigsten Faktoren,
die der Erhaltung der biologischen Vielfalt im Wege stehen.
Dem Sterben der Arten könnte am effektivsten durch ein Netzwerk
ökologischer Korridore Einhalt geboten werden, welches die isolierten
"ökologischen Inseln" wieder miteinander verbindet. Diese ökologischen
Korridore würden Säugetieren, Vögeln und Insekten eine freie
Entfaltungsmöglichkeit bieten und damit einen großen Beitrag
zu ihrer Erhaltung leisten. Gebirgswälder, Waldgebiete, Flüsse,
Seen, Sumpfland, Reisfelder und Graslandschaften müssen wieder
miteinander verbunden werden; ebenso muss ein Netzwerk mit städtischen
Grünflächen wie Parks, Flussauen und Alleen geschaffen werden.
Wurden Stadtparks und Parkflächen bislang nur zum Nutzen der
Menschen geplant, müssen wir endlich lernen, sie als Teile eines
ökologischen Korridors zu verstehen, von dem auch andere lebende
Organismen profitieren können.
3. Recycling
Im Jahre 1960 gründete ich eine Bewegung, die auf einem architektonischen
Konzept namens "Metabolismus" beruht. Dabei ging es um die Entwicklung
von Modulen für Gebäude und Städte, die je nach ihrer "Lebenszeit"
verändert werden konnten. Lebenszeit bezog sich dabei nicht
nur auf die physische Lebensdauer der Elemente, sondern auch
auf ihre soziale und ökonomische Lebensspanne.
Ich ging davon aus, dass der Austausch und das Recycling einzelner
Teile eine längere und nachhaltigere Nutzung des Ganzen erlaubt.
Dies galt als revolutionäres Konzept und stellte die gängige
Vorstellung in Frage, dass Gebäude und Städte eine ideale Form
besäßen und - wenn diese einmal erreicht sei - auf Ewigkeit
fortbestehen würden.
Das Recycling der wesentlichen Struktur eines Gebäudes oder
einer Stadt ist die erste Voraussetzung für Nachhaltigkeit.
An zweiter Stelle steht die Aufbereitung von Abwässern aus städtischen
Haushalten. Natürlich werden bereits jetzt große Wassermengen
gereinigt, aufbereitet und wiederverwendet - in Singapur, wo
Wasser besonders knapp ist, sogar als Trinkwasser.
Drittens ist die Aufbereitung industrieller Abwässer und das
Recycling von Abfällen der Massenproduktion zu erwähnen. Dazu
zählt die Wiederverwertung von Haushaltsgeräten, Autos, technischen
Geräten und anderen industriell gefertigten Waren, aber auch
von Baumaterialien sowie von landwirtschaftlichem Müll und Dünger.
Wenn eine bestimmte Menge davon systematisch wiederverwertet
werden könnte, wären große Recycling-Anlagen auch ökonomisch
rentabel. Damit würde auch der internationale Handel mit Abfällen
notwendig werden.
Recycling im landwirtschaftlichen Bereich ist eine weitere große
Herausforderung für die Entwicklungsländer. Besonders Dung und
landwirtschaftliche Abfallprodukte stellen in Form von Biomasse
ein wichtiges Potential als Energie-Ressource dar. Sie zu recyceln
würde daher doppelten Nutzen haben.
Der vierte Punkt betrifft die Verwertung von Regenwasser. Früher
folgte das Regenwasser einem natürlichen Kreislauf: Es wurde
im Boden von Gebirgswäldern und Waldgebieten gereinigt und in
Reisfeldern, Sumpfgebieten und Seen gespeichert; durch Flüsse
gelangte es nach und nach ins Meer, verdunstete, um schließlich
wieder auf die Erde zu regnen. Heute ist dieser Kreislauf gestört:
Aufgrund des Rückgangs an Reisfeldern, Sumpfland, Seen und Wäldern
kann immer weniger Wasser gespeichert werden. Zudem wurde durch
die Begradigung der Flüsse zur Verhinderung von Überschwemmungen
deren Fließgeschwindigkeit erhöht. Weil vermehrt nur noch bestimmte,
für Bauzwecke vorgesehene Baumarten angebaut werden - in Japan
beispielsweise Zedern und Zypressen -, entstehen Monokulturen.
Wasser wird aber am besten in Böden gespeichert, auf denen Laubbäume
und Büsche wachsen. Der bei weitem wichtigste Grund für die
Störung des natürlichen Kreislaufs des Regenwassers liegt jedoch
darin, dass die Straßen der Städte aus Materialien wie Zement,
Beton und Asphalt bestehen, die das Einsickern des Wassers in
den darunter liegenden Boden verhindern. Stattdessen wird das
gesamte Wasser durch das Abwassersystem direkt den Flüssen und
anschließend dem Meer zugeführt. Den ursprünglichen Kreislauf
wiederherzustellen, ist eine Bedingung für die Errichtung der
zukunftsfähigen Stadt.
4. Alternative Energie
Heute verlassen wir uns in jedem Bereich unseres Lebens auf
Energie, die aus Erdöl gewonnen wird. Davon müssen wir jedoch
so schnell wie möglich abkommen. Energieformen wie zum Beispiel
Kernenergie, Wasserkraft oder Kohle gefährden die Umwelt; Energiequellen
mit dem höchsten Zukunftspotential sind dagegen Biomasse, Solarenergie
und Windkraft. Biomasse kann sowohl in Entwicklungsländern als
auch in Industrieländern genutzt werden, Solaranlagen und kleine,
vertikale Windkraftanlagen sind in Stadtgebieten problemlos
einsetzbar. Die Regierungen sollten umgehend Maßnahmen und Programme
zur Förderung alternativer Energien auf den Weg bringen.
5. Eine nachhaltige Verkehrsplanung
Der Automobilverkehr entwickelt sich sehr schnell. Die Nutzung
von Autos in Städten führt nicht nur zur Ausdehnung der Stadtlandschaften
bis in die Vororte, sondern ist auch die Hauptursache für Verkehrsstaus
und Luftverschmutzung. Ich glaube, dass wir ein städtisches
Verkehrssystem wiederbeleben müssen, das sowohl für Fußgänger
als auch für Radfahrer attraktiv ist. In einer kompakten Stadt
wären öffentliche Verkehrssysteme wie Einschienenbahnen und
"Light Rail Transport"-Systeme gewinnbringend; die Menschen
würden öfter auf das Auto verzichten.
Es gilt, Städte zu entwerfen, die ein ausgewogenes System verschiedener
Fortbewegungsarten - zu Fuß, mit Fahrrädern, Autos, Bussen,
U-Bahnen und Schiffen - ermöglichen.
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Earth3000 President Maritta Koch-Weser joins Founding Board of Directors of the Planet 2025 Fund a global community investment program of the Eco-Insurance Initiative