Die zukunftsfähige Stadt - Fünf Vorschläge für eine nachhaltige Stadtplanung
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Kisho Kurokawa
20. Juni 2004


1. Eine kompakte Stadt

Überall auf der Welt - sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern - breiten sich die Städte auf immer größere Flächen aus.
In den Entwicklungsländern verlassen viele Menschen ihre Dörfer in den ländlichen Gebieten, um in den großen Städten Arbeit zu finden. Infolgedessen ändert sich für die meisten von ihnen das soziale Umfeld. In den Slums an der Peripherie der Städte ballen sich ihre ärmlichen Behausungen. In den Industrieländern hingegen entscheiden sich meist Besserverdienende und Angehörige der Mittelklasse für einen Umzug in die Vororte, wo sie niedrige Häuser auf ausgedehnten Grundstücken bauen und die umliegende Natur genießen können. Ein typisches Beispiel dafür ist eine Stadt wie Los Angeles, die sich - bei verhältnismäßig geringer Bevölkerungsdichte - über ein riesiges Gebiet erstreckt. Gut ausgebaute Schienen- und Autobahnnetze lassen in der Umgebung großer Städte so genannte "new towns" entstehen - Satellitenstädte, die die unaufhaltsame Ausdehnung des urban sprawl besonders augenfällig machen.
Diese Expansion des urbanen Raums ist bekanntlich ein Hauptgrund für die Zerstörung der Natur. Das Verschwinden landwirtschaftlicher Nutzflächen in den Dörfern, der Verlust von Reisfeldern oder die Zerstörung von Wäldern beeinträchtigen die Zirkulation des Regenwassers und führen zu einem Rückgang der Artenvielfalt im gesamten Ökosystem. Aufgrund des explosionsartigen Bevölkerungswachstums in den Entwicklungsländern werden Wälder abgeholzt, um neue landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen. Sofern keine Maßnahmen ergriffen werden, ist zu befürchten, dass bis zu dem Zeitpunkt, da die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen angestiegen ist, die gesamte Waldfläche der Erde verschwunden sein wird. Um dies zu verhindern, müssen wir unser Verhalten jetzt ändern. Bevor es zu spät ist, müssen wir der Ausbreitung des urbanen Raums Einhalt gebieten und unsere Städte kompakter gestalten. In einer "kompakten" Stadt leben so viele Menschen wie möglich auf kleinstmöglichem Raum - sie besitzt also eine sehr hohe Bevölkerungsdichte.
Die Befürworter der "modernen Städte" des 20. Jahrhunderts lehnten derart dicht besiedelte Wohngebiete ab und versuchten gerade, Städte mit geringer Bevölkerungsdichte und vielen Grünflächen zu konzipieren. Dieses Zeitalter gering besiedelter Städte mit üppigen Grünflächen und zahlreichen Parkanlagen, von denen nur die Menschen profitieren, ist jedoch vorüber. Uns bleibt nur eine Möglichkeit: Die Symbiosis zwischen Natur und kompakten, dicht besiedelten Städten muss gefördert werden. Ob zu diesem Zweck niedrige Gebäude oder Hochhäuser errichtet werden, ist nicht relevant; entscheidend ist nur, dass die Stadt dicht besiedelt und kompakt ist.

2. Ökologische Korridore

In früheren Zeiten war die Erdoberfläche von riesigen Wäldern bedeckt - sie bildeten ein intaktes Ökosystem. Mit der Entwicklung der Menschheit jedoch, der Errichtung von Städten und der Ausbreitung der Landwirtschaft wurden die einzelnen Komponenten des Ökosystems Erde, zum Beispiel Wälder, Seen und Sumpfland, voneinander isoliert. Diese Isolation der Ökosysteme und das daraus resultierende Schwinden jeder dieser Komponenten sind die wichtigsten Faktoren, die der Erhaltung der biologischen Vielfalt im Wege stehen.
Dem Sterben der Arten könnte am effektivsten durch ein Netzwerk ökologischer Korridore Einhalt geboten werden, welches die isolierten "ökologischen Inseln" wieder miteinander verbindet. Diese ökologischen Korridore würden Säugetieren, Vögeln und Insekten eine freie Entfaltungsmöglichkeit bieten und damit einen großen Beitrag zu ihrer Erhaltung leisten. Gebirgswälder, Waldgebiete, Flüsse, Seen, Sumpfland, Reisfelder und Graslandschaften müssen wieder miteinander verbunden werden; ebenso muss ein Netzwerk mit städtischen Grünflächen wie Parks, Flussauen und Alleen geschaffen werden.
Wurden Stadtparks und Parkflächen bislang nur zum Nutzen der Menschen geplant, müssen wir endlich lernen, sie als Teile eines ökologischen Korridors zu verstehen, von dem auch andere lebende Organismen profitieren können.


3. Recycling

Im Jahre 1960 gründete ich eine Bewegung, die auf einem architektonischen Konzept namens "Metabolismus" beruht. Dabei ging es um die Entwicklung von Modulen für Gebäude und Städte, die je nach ihrer "Lebenszeit" verändert werden konnten. Lebenszeit bezog sich dabei nicht nur auf die physische Lebensdauer der Elemente, sondern auch auf ihre soziale und ökonomische Lebensspanne.
Ich ging davon aus, dass der Austausch und das Recycling einzelner Teile eine längere und nachhaltigere Nutzung des Ganzen erlaubt. Dies galt als revolutionäres Konzept und stellte die gängige Vorstellung in Frage, dass Gebäude und Städte eine ideale Form besäßen und - wenn diese einmal erreicht sei - auf Ewigkeit fortbestehen würden.
Das Recycling der wesentlichen Struktur eines Gebäudes oder einer Stadt ist die erste Voraussetzung für Nachhaltigkeit. An zweiter Stelle steht die Aufbereitung von Abwässern aus städtischen Haushalten. Natürlich werden bereits jetzt große Wassermengen gereinigt, aufbereitet und wiederverwendet - in Singapur, wo Wasser besonders knapp ist, sogar als Trinkwasser.
Drittens ist die Aufbereitung industrieller Abwässer und das Recycling von Abfällen der Massenproduktion zu erwähnen. Dazu zählt die Wiederverwertung von Haushaltsgeräten, Autos, technischen Geräten und anderen industriell gefertigten Waren, aber auch von Baumaterialien sowie von landwirtschaftlichem Müll und Dünger. Wenn eine bestimmte Menge davon systematisch wiederverwertet werden könnte, wären große Recycling-Anlagen auch ökonomisch rentabel. Damit würde auch der internationale Handel mit Abfällen notwendig werden.
Recycling im landwirtschaftlichen Bereich ist eine weitere große Herausforderung für die Entwicklungsländer. Besonders Dung und landwirtschaftliche Abfallprodukte stellen in Form von Biomasse ein wichtiges Potential als Energie-Ressource dar. Sie zu recyceln würde daher doppelten Nutzen haben.
Der vierte Punkt betrifft die Verwertung von Regenwasser. Früher folgte das Regenwasser einem natürlichen Kreislauf: Es wurde im Boden von Gebirgswäldern und Waldgebieten gereinigt und in Reisfeldern, Sumpfgebieten und Seen gespeichert; durch Flüsse gelangte es nach und nach ins Meer, verdunstete, um schließlich wieder auf die Erde zu regnen. Heute ist dieser Kreislauf gestört: Aufgrund des Rückgangs an Reisfeldern, Sumpfland, Seen und Wäldern kann immer weniger Wasser gespeichert werden. Zudem wurde durch die Begradigung der Flüsse zur Verhinderung von Überschwemmungen deren Fließgeschwindigkeit erhöht. Weil vermehrt nur noch bestimmte, für Bauzwecke vorgesehene Baumarten angebaut werden - in Japan beispielsweise Zedern und Zypressen -, entstehen Monokulturen. Wasser wird aber am besten in Böden gespeichert, auf denen Laubbäume und Büsche wachsen. Der bei weitem wichtigste Grund für die Störung des natürlichen Kreislaufs des Regenwassers liegt jedoch darin, dass die Straßen der Städte aus Materialien wie Zement, Beton und Asphalt bestehen, die das Einsickern des Wassers in den darunter liegenden Boden verhindern. Stattdessen wird das gesamte Wasser durch das Abwassersystem direkt den Flüssen und anschließend dem Meer zugeführt. Den ursprünglichen Kreislauf wiederherzustellen, ist eine Bedingung für die Errichtung der zukunftsfähigen Stadt.


4. Alternative Energie

Heute verlassen wir uns in jedem Bereich unseres Lebens auf Energie, die aus Erdöl gewonnen wird. Davon müssen wir jedoch so schnell wie möglich abkommen. Energieformen wie zum Beispiel Kernenergie, Wasserkraft oder Kohle gefährden die Umwelt; Energiequellen mit dem höchsten Zukunftspotential sind dagegen Biomasse, Solarenergie und Windkraft. Biomasse kann sowohl in Entwicklungsländern als auch in Industrieländern genutzt werden, Solaranlagen und kleine, vertikale Windkraftanlagen sind in Stadtgebieten problemlos einsetzbar. Die Regierungen sollten umgehend Maßnahmen und Programme zur Förderung alternativer Energien auf den Weg bringen.


5. Eine nachhaltige Verkehrsplanung

Der Automobilverkehr entwickelt sich sehr schnell. Die Nutzung von Autos in Städten führt nicht nur zur Ausdehnung der Stadtlandschaften bis in die Vororte, sondern ist auch die Hauptursache für Verkehrsstaus und Luftverschmutzung. Ich glaube, dass wir ein städtisches Verkehrssystem wiederbeleben müssen, das sowohl für Fußgänger als auch für Radfahrer attraktiv ist. In einer kompakten Stadt wären öffentliche Verkehrssysteme wie Einschienenbahnen und "Light Rail Transport"-Systeme gewinnbringend; die Menschen würden öfter auf das Auto verzichten.
Es gilt, Städte zu entwerfen, die ein ausgewogenes System verschiedener Fortbewegungsarten - zu Fuß, mit Fahrrädern, Autos, Bussen, U-Bahnen und Schiffen - ermöglichen.


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